Interview mit Ingenieur Ping Zhang

Ping Zhang, Mitte 30, war der beste Student aus seinem Studiengang sowohl an der chinesischen als auch an der deutschen Universität und arbeitet nun als Ingenieur in der deutschen Automobilindustrie. Er führt ein unbeschwertes Leben, wird gut bezahlt und hat eine glückliche Familie. Dennoch wünscht er sich für die Zukunft mehr Herausforderungen in seinem Arbeitsalltag. In diesem Interview teilt er mit uns mehr als 10 Jahre Erfahrungen und seine Meinung zu China und Deutschland.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer aktuellen Situation?

Ich bin schon zufrieden, aber es könnte noch besser sein. Das Leben hier in Deutschland ist sehr geregelt. Allerdings fehlen mir ein wenig die Herausforderungen.

Gibt es Dinge, die Ihnen früher wichtig waren und die heute keine große Rolle mehr spielen?

Am Anfang meiner Karriere, war es mein Ziel, in einem der besten und renommiertesten Unternehmen Deutschlands zu arbeiten. Ich hatte gute Noten und mein Anspruch war sehr hoch. Heutzutage ist es wichtiger für mich, in einem Unternehmen zu arbeiten, das zu mir passt, mit dessen Werten ich mich identifizieren kann.

Für mich ist es wichtig, etwas zu bewegen und das Leben der Menschen durch meine Arbeit ein wenig zu verbessern. Ich habe viele Freunde, die in großen Konzernen arbeiten und sehr stolz darauf sind. Das Problem ist allerdings, dass sie sich meist nicht zu 100% mit ihrer Tätigkeit identifizieren und ihr volles Potential nicht entfalten können.

Momentan arbeite ich für einen größeren Mittelständler, weiß genau, welchen Wert ich bringe und bekomme ein direktes Feedback der Kunden, wenn ich etwas entwickle. Das ist ein tolles Gefühl für mich.

Gibt es jemanden den Sie bewundern?

Menschen, die Werte kreieren und ihre Interessen einsetzen, um etwas zu bewegen, bewundere ich. Durch ihre Arbeit verändert sich etwas in eine positive Richtung. Ich versuche auch meinen Teil hierzu beizutragen.

Beispielsweise hat mein Unternehmen eine automatische Schaltung auf dem chinesischen Markt eingeführt, die vielen das Leben erheblich vereinfacht hat. Das hat mich wirklich glücklich gemacht. Endlich konnte ich sehen, dass ich mein Studienwissen und meine Erfahrungen einbringen kann, um etwas zu bewirken.

Was denken Sie im Allgemeinen über Chinesen, die Ihr Studium in Deutschland fortgesetzt haben? Denken Sie,sie sind erfolgreich hier?

Meiner Meinung nach könnten sie in China erfolgreicher sein als in Deutschland. Chinesen, die hier ihr Studium weitergeführt haben, sind normalerweise die besten Studenten an der chinesischen Universität, meistens sogar unter den Top 5 Prozent.

Trotzdem haben sie nach 10 Jahren oftmals noch mittlere Positionen in meiner Industrie, wie Ingenieur- oder Projektmanagerposten. Um in Deutschland mehr zu erreichen, müssten sie offener und aktiver werden und sich der deutschen Gesellschaft mehr anpassen.

Denken Sie, es gibt viele gute Manager auf dem chinesischen Markt?

Viele Manager fassen zunächst Fuß auf dem deutschen Arbeitsmarkt und gehen dann wieder zurück nach China. Hierdurch steigt die Anzahl guter Manager natürlich stetig. Unser Unternehmen bietet beispielsweise jedes Jahr bikulturelle Workshops an, um Erfahrungen auszutauschen.

Dieses Angebot wird gerne von Chinesen in Anspruch genommen. Mein Vorteil Ihnen gegenüber schwindet somit von Jahr zu Jahr, da die Internationalisierung stetig voranschreitet. Ich habe das Gefühl, dass andere Kulturen immer mehr integriert werden.

Aber denken Sie nicht, dass Sie aufgrund Ihrer fachlichen Qualifikationen einen Vorteil gegenüber den lokalen chinesischen Managern haben?

Ja, das stimmt. Mein fachliches Wissen und meine Erfahrungen können nicht so schnell „überholt“ werden. Die Forschung und Entwicklung, vor allem auf dem technischen Gebiet, hier in Deutschland ist deutlich ausgeprägter als in China. In Deutschland bleiben die Ingenieure oftmals lange bei einem Unternehmen, meistens für zehn oder sogar zwanzig Jahre.

In China herrscht hingegen ein reger Arbeitsplatzwechsel, weshalb die Kenntnisse nicht tiefer gehen und eher oberflächlich bleiben. Um zu verstehen, warum die lokalen Chinesen häufig wechseln, muss man wissen, dass in den großen Städten, wie in Shanghai, ein großer finanzieller Druck herrscht und die Gehaltsunterschiede in China zwischen verschiedenen Unternehmen und Positionen sehr groß sind. Bei einem Wechsel steigt das Gehalt teilweise um 50 Prozent an. Bleibt man jedoch bei einem Unternehmen, sieht es häufig mit den Gehaltserhöhungen nicht ganz so gut aus.

In Deutschland ist das anders. Die Gehaltsunterschiede sind nicht so groß. Man kann seine Arbeit ohne große Sorgen bewältigen und sich auf die Ausführung der einzelnen Aufgaben konzentrieren.

Welche weiteren Vorteile sehen Sie gegenüber den lokalen Managern?

Abgesehen von den fachlichen Qualifikationen, spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle. Es gibt immer viele Probleme aufgrund der kulturellen Unterschiede zwischen China und Deutschland. Da ich beide Kulturen kenne und lebe, fällt es mir leichter zwischen beiden Parteien zu vermitteln.

Um ein Beispiel zu geben: Treten wir mit unserer Tochterfirma in China in Kontakt, so werden 30 % der Zeit benötigt, nur um Kommunikationsprobleme zu beseitigen. Nicht nur die Sprache spielt hierbei eine Rolle, sondern vor allem die Denkweise.

Ein Beispiel aus unserer Entwicklungsabteilung: Meine deutschen Kollegen orientieren sich stark an Ihrem meist mehrere Monate zuvor erstellten, nicht mehr abänderbaren Ablaufplan und folgen diesem. Das Gleiche erwarten sie von den Chinesen, aber diese arbeiten anders. Sie ändern ihre Pläne gerne kurzfristig ab, sind etwas flexibler.

Und wie lösen Sie dieses Problem, wenn sie nach China geschickt werden?
Ich versuche die Kommunikation zu verbessern und aufrecht zu erhalten. Ich würde sagen, dass unsere deutschen Ingenieure die Kommunikation mit den chinesischen Ingenieuren aufgrund dieser Problematik vermeiden. Sie mögen es nicht, wenn sich die Pläne andauernd ändern und folgen daher Ihrem Plan, ohne diese mit China abzusprechen.

Wäre ich in dieser Position, dann würde ich mich darum bemühen, einen Kommunikationskanal herzustellen und meine Kollegen zusammenzubringen. Das ist nur möglich, da ich beide Denkweisen kenne und verstehe.

Welche Medien nutzen Sie täglich? Und was denken Sie über die Darstellung Chinas in diesen?

Ich schaue ZDF, lese die Zeitung des Vereins Deutscher Ingenieure und auch lokale Zeitungen. Die deutschen Medien sehen die Dinge meistens eher kritisch, aber doch relativ fair und versuchen die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich habe das Gefühl, dass Deutsche, die schon einmal in China gelebt haben, China positiver darstellen als diejenigen, die mit der Kultur kaum vertraut sind.

Natürlich spielt es auch eine Rolle, welche Industrie über China berichtet. Betrachten wir beispielsweise die Automobilindustrie, so lässt es sich sagen, dass diese im Allgemeinen eher konservativ eingestellt ist.

Welche Mitarbeiter sendet Ihr Unternehmen nach China?

Das kommt auf das Aufgabenfeld an. Mitarbeiter aus der Entwicklungsabteilung werden eher nicht nach China geschickt, wohingegen Mitarbeiter aus dem Marketing oder der Logistik gerne versendet werden. Forschung und Entwicklung ist ein heikles Thema für die Deutschen, aufgrund der Angst kopiert zu werden. Diese Angst wird von den deutschen Medien noch geschürt.

Und was ist Ihre Meinung zu diesem Problem?

Ich denke, deutsche Unternehmen könnten noch internationaler werden. Meiner Meinung nach sollten Mitarbeiter gleich angesehen werden, unabhängig davon, ob sie in China oder in Deutschland sitzen. Sowohl die deutschen als auch die chinesischen Mitarbeiter kreieren Werte für das Unternehmen, versuchen es voranzubringen. Würden alle Mitarbeiter ähnlicher behandelt werden, dann wäre dieses Problem vielleicht gar nicht so groß.

Um noch kurz auf die Angst des „kopiert zu werden“ zu sprechen zu kommen: Nach einer Lokalisierung in China, sinken die Kosten für deutsche Unternehmen und die Produkte werden wettbewerbsstärker aufgrund des niedrigeren Preises. Das Risiko kopiert zu werden wird deshalb durch die Verlagerung aus meiner Sicht kleiner und nicht größer.

Natürlich besteht dann immer noch das Risiko, dass „Insiderwissen“ weitergegeben wird. Aber besteht das nicht überall? Wenn Deutsche ihren Arbeitsplatz wechseln, nehmen sie doch auch ihr Wissen mit.

Was vermissen Sie am meisten hier in Deutschland?

Die Freunde aus meiner Kindheit, meine Schulfreunde und die chinesischen Studienkollegen. Ich habe auch hier in Deutschland studiert, allerdings gibt es Unterschiede zwischen meinen Studienkollegen hier und denen in China.

In Deutschland hatte ich das Gefühl, dass eine größere Distanz zwischen meinen Kommilitonen und mir vorhanden war. In China gab es einen größeren Zusammenhalt.

Treffe ich jetzt beispielsweise chinesische Studienkollegen, dann unterhalten wir uns über gemeinsame Erlebnisse, teilen unsere Erinnerungen. Uns verbindet mehr als nur das Studium.

Kommen wir nun auf ein anderes Thema zu sprechen. In China sind die Menschen ja bekanntlich sehr leistungsorientiert, erwarten Sie von Ihren Kindern hier in Deutschland das Gleiche?

Meiner Meinung nach müssen Kinder glücklich sein, gute Noten sind nicht alles. Wichtiger ist es, ihre Interessen zu fördern, herauszufinden, was sie wirklich antreibt und ihnen liegt. Freizeit muss auch sein. Ich spiele beispielsweise Fußball mit meinen Kindern, zeige Ihnen aber auch, wie man programmiert.

Ist es wichtig für Sie, dass Ihre Kinder fließend Chinesisch sprechen können?
Ich finde es wichtig, dass sie ihren Ursprung nicht vergessen, um sich selbst zu kennen. Natürlich hoffen wir als Eltern, dass sie die Sprache lernen und beherrschen möchten, aber ich dränge sie nicht dazu. Meine Frau ist da schon etwas strenger. Meine Kinder können fließend sprechen, nur mit dem Schreiben haben sie noch ihre Probleme. Deshalb drängt ihre Mutter sie schon dazu, ihr Chinesisch zu verbessern.

Falls es also ein passendes Jobangebot in China geben würde, würden sie dann einen Umzug nach China in Erwägung ziehen?

Natürlich würde ich darüber nachdenken und zuschlagen, wenn die Stelle zu mir passen würde. Ich habe auch schon mit meinen beiden Kindern über dieses Thema gesprochen und beide würden nicht nach China ziehen wollen. Ich denke, ich müsste sie im Fall der Fälle nochmals darauf ansprechen und versuchen, sie zu überzeugen.

Würden Sie sich dann nicht Gedanken über die Umweltverschmutzung und die Lebensmittelsicherheit in China machen?

Vor einigen Jahren habe ich mich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Heute spielt die Umweltverschmutzung und die Lebensmittelsicherheit schon eine wichtigere Rolle für mich. Allerdings wäre dies nicht der ausschlaggebende Punkt für die endgültige Entscheidung, einen Umzug nach China zu wagen oder nicht.

Was ist das größte Problem, das China zu bewältigen hat?

Ich denke, China muss die Demokratisierung und Privatisierung vorantreiben. Viele Probleme wären gelöst, wenn das private Eigentum gesichert wäre.

Eine letzte Frage: Würden Sie gerne für kurze oder lange Zeit nach China gehen?

Das kommt darauf an, ob sich eine Demokratie entwickeln wird. Könnte ich meinen Teil hierzu beitragen, wäre das etwas sehr Besonderes für mich. Es ist also schwierig zu sagen, ob ich für eine kurze oder lange Zeit nach China gehen würde.

Das Interview führte Wei Fischer.