Interview mit RW-Leiterin Jie Chen

Jie Chen ist Mitte 30 und stammt aus Shanghai. Sie wohnt in Berlin und ist bereits seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Studiert hat sie in China und Deutschland, Arbeitserfahrungen sowohl in Deutschland als auch in den USA gesammelt. Derzeit ist Jie Chen bei einem großen europäischen Verkehrsunternehmen als Leiterin des Rechnungswesen tätig. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Interview mit Wei Fischer erzählt sie über ihre Erfahrungen als erfolgreiche Führungskraft, Mutter und Chinesin in Deutschland.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen Deutsch zu lernen als Sie noch recht jung waren?

Das war mehr oder weniger ein Zufall. Als ich die 6. Klasse der Grundschule besuchte, wurde ich von der Schule für die Teilnahme an der Aufnahmeprüfung der Shanghaier Fremdsprachenmittelschule ausgewählt. Ich bestand die Prüfung und kam in die Klasse, wo Deutsch, Französisch, Japanisch und Russisch als Fremdsprachen angeboten wurden.

Was ist Ihr bisheriger Eindruck von Deutschland?

Deutschland ist ein sehr schönes und grünes Land. Man achtet sehr auf die Umwelt, wovon alle lernen sollten. Man hat Freiheit und kann auch ohne eine Hochschulausbildung ein gutes Leben führen – das ist ganz anders als in China.

Alles hat seine Ordnung, was auch gut ist. Jedoch führt diese Ordnungsliebe manchmal auch zu einer sehr versteiften und unflexiblen Haltung, wodurch die ursprüngliche Zielsetzung nicht erreicht werden kann.

Ihre Karriere verlief bisher sehr erfolgreich und reibungslos. Was war die größte Schwierigkeit mit der Sie in Ihrer bisherigen Karriere konfrontiert wurden?

Größere und kleinere Schwierigkeiten gibt es überall im Leben. Ich sehe dies immer als Herausforderung. Die schwierigsten Entscheidungen und Herausforderungen waren bislang für mich, eine gut bezahlte und aussichtsreiche Stelle aufzugeben um neue berufliche Herausforderungen in einem fremden Unternehmen bzw. Land aufzunehmen.

Die Entscheidung in die USA zu gehen fiel mir nicht leicht, da meine Karriere in Deutschland damals gerade erst startete. Ebenso schwer war die Entscheidung zurück nach Deutschland zu kommen, da ich in den amerikanischen Unternehmen zweimal in acht Monaten befördert wurde.

Momentan stehe ich wieder vor so einer Entscheidung. Letztendlich ist es wichtig, dass man seine Ziele im Auge behält und sich selbst treu bleibt. Fleiß und schnelle Lernfähigkeit zählen zu den Grundlagen im Leben.

In Deutschland erreichen nur wenige Frauen eine Leitungsposition. Denken Sie, das liegt an dem generellen beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld oder an anderen Gründen?

Ich finde, dass viel mehr Frauen in den letzten Jahren Leitungsfunktionen ausüben als dies noch vor 7 oder 8 Jahren der Fall war. Die Tendenz ist erfreulich.

Der Hintergrund dieser Erscheinung hat meines Erachtens seine Wurzel in der Vergangenheit. In der Entscheidung der Frauen selbst und gewiss auch in der Entscheidung mancher Führungspersonen und der Haltung der nahestehenden Personen, wie Eltern, Partner und Freunde, um die Frauen herum.

Jedoch fühlte ich mich persönlich nie benachteiligt. Es ist immer eine Sache der Selbst- und Fremdeinschätzung.

Was halten Sie von der aktuell in Deutschland diskutierten und von der EU vorgeschlagenen Frauenquote? Befürworten Sie diese?

Das ist ein viel diskutiertes Thema. Ich bin gegen eine Regelung durch eine Quote. Das ist meines Erachtens ein Riesenrückschritt in der Emanzipation der Frauen. Dadurch werden gute und weniger gute Leistungen einzelner Frauen verallgemeinert.

Was geändert werden müsste, sind die Haltungen der Frauen und ihrer Mitmenschen. Das ist aber natürlich keine Sache, die von heute auf morgen und auch nicht innerhalb den nächsten zehn Jahren zu ändern ist, sondern ein Projekt für mehrere Generationen. Ich bin jedoch sehr zuversichtlich, dass es so kommen wird.

Denken Sie, dass Frauen nach der Geburt durch den Arbeitgeber und die Gesellschaft stärker unterstützt werden sollten? Beispielsweise hinsichtlich der Ermöglichung von Teilzeitarbeit oder Home-Work, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht.

Ich kenne viele Unternehmen, die solche Möglichkeiten anbieten. Das ist sehr positiv. Mit der Entwicklung der Technik ist vernetztes Arbeiten von Zuhause aus einfacher als vor 20 Jahren. Man mus natürlich auch akzeptieren, dass einige Positionen weniger geeignet sind für solche Arbeitsweisen.

Ich möchte jedoch auch zu Bedenken geben, dass man diese Fragestellung meist nur an Frauen richtet. Man sollte vielmehr auch Männern die Möglichkeit einräumen, zur Nachwuchs-Betreuung Teilzeit oder Homeoffice vereinbaren zu dürfen.

Es ist immer noch für zu viele Vorgesetzte „überraschend“, wenn Männer um 16 Uhr die Kinder abholen gehen. Viele Männer bringen daher die Kinder lieber morgens zur Kita oder Schule als diese abends abzuholen.

Und das ist genau das, was ich eben gemeint habe mit Haltung der Mitmenschen um die Frauen herum.

Ich bin eine sehr glückliche Frau, weil ich die volle Unterstützung von meinen Eltern, meinem Ehemann und meiner Kinder bekommen habe. Die Haltung meiner Mitmenschen hat mir auch meine bisherige Karriere ermöglicht.

Denken Sie, dass es für Ihre Karriere von Vor- oder Nachteil ist, dass Sie eine Ausländerin sind?

Gewiss könnte es eine Rolle spielen. Jedoch sind Persönlichkeit und Fähigkeiten viel wichtiger als die Nationalität. Manchmal ist eine fremde Nationalität sogar ein Vorteil, weil man viel mehr bewundert wird, wenn man die gleiche Leistung wie die Muttersprachler bringen kann.

Ich empfand meine ausländische Identität persönlich bislang immer als einen Bonuspunkt.

Ist Ihnen eine erfolgreiche Karriere sehr wichtig? Familie oder Karriere, was ist für Sie wichtiger?

Ich bin zuerst ein Mensch, erst dann eine Frau, Mutter und Tochter. Eine erfolgreiche Karriere ist wichtig. Meine Familie ist mir wichtig.

Ich respektiere alle Frauen, die ihre ganze Kraft Familie und Kindern widmen, weil das die Entscheidung eines Menschen ist. Genauso respektiere ich jedoch auch alle Frauen, die ihre ganze Kraft der Karriere widmen.

Eine Familie zu führen beinhaltet genauso viele Herausforderungen wie eine berufliche Karriere. Ein Kind zu einem aufrichtigen, anständigen, glücklichen und der Gesellschaft nützlichen Menschen zu erziehen, der selbst wiederum gute Werte an seine Kinder weitergeben kann, ist mindestens so bedeutend wie ein erfolgreiches Unternehmen zu führen. Das ist auch der Wert, den ich meinen Kindern vermitteln möchte.

Ich bin fest überzeugt, dass meine Karriere und meine Familie sich gegenseitig unterstützen. Ohne Unterstützung der Familie kann ich mich beruflich nicht weiterentwickeln. Ohne beruflichen Erfolg kann ich nicht glücklich meine Weltanschauung und meine Werte an meine Kinder weitergeben.

Es gibt natürlich Tage, an denen ich die Familie der Karriere vorziehe. Es gibt aber genauso Tage, wo ich mich auf die Karriere konzentriere. Ich mache mir mindestens genauso viele Gedanken um meine Familie, insbesondere hinsichtlich der Planung der Kindererziehung, wie um meinen Beruf.

Die Kunst ist Familie und Karriere in Balance zu bringen bzw. genug Selbstvertrauen zu haben, um zu wissen, wann man welche Seite vorziehen muss. Entscheidend ist vorausschauend zu bleiben, um Engpässe und Konflikte zu vermeiden. Das ist im Privaten genauso wichtig wie im Beruflichen.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Unterschied im Denken und Handeln von Deutschen und Chinesen?

Grundsätzlich beachten die Deutschen viel mehr die Regeln als die Chinesen. Die Chinesen sind zielorientierter und flexibler. In China stehen die Leute unter stärkerem sozialem Druck und Gruppenzwang als in Deutschland.

Die Chinesen legen mehr Wert auf Ausbildung. Die Deutschen legen hingegen mehr Wert auf Individualität.

Man sollte beim Blick auf China auf jeden Fall die Größe des Landes und das Potential berücksichtigen. Wenn sich die politischen Rahmenbedingungen und die wirtschaftlichen Grundlagen weiterentwickeln, wird es in 10 – 15 Jahren viel mehr erfolgreiche chinesische Persönlichkeiten und chinesische Unternehmen in absoluter Zahl geben, weil die Grundgesamtheit einfach viel größer ist.

Somit ist es umso wichtiger, dass es ein gegenseitiges Vertrauen und Verständnis geben sollte.

 

Das Interview führte Wei Fischer. Der Name „Jie Chen“ wurde von der Redaktion geändert.