Sind die deutschen Autohersteller von China abhängig?

Natürlich bestehen Abhängigkeiten – aber sie bestehen gegenseitig! Für die großen deutschen Hersteller wäre ein Ausfall des chinesischen Marktes ein Fiasko. Aber für die chinesische Wirtschaft ist das Automobilgeschäft von ebenso zentraler Bedeutung.

Beide Seiten können nicht aussteigen, sondern nur – wie beim Schachspiel – versuchen, ihre jeweilige Position etwas zu verbessern. Ich sehe nicht, was an dieser gegenseitigen Abhängigkeit falsch oder ungesund sein soll, wenn die Unternehmen die bestehenden Risiken seriös abschätzen und beobachten.

Natürlich wäre eine Wirtschaftskrise in China existenzgefährdend für viele deutsche Zulieferer und wahrscheinlich sogar manche Hersteller – aber das gilt auch für eine tiefe Wirtschaftskrise in der westlichen Welt! Hätte die letzte zweimal solange gedauert und hätte nicht insbesondere  die chinesische Nachfrage anschließend einen sehr schnellen und steilen Aufschwung bewirkt – deutsche Unternehmen wären zu Hunderten in der Insolvenz gelandet.

Bedrohung durch lokale Wettbewerber

Wirklich interessant ist: warum kommen die chinesischen Hersteller nicht voran und was kann man daraus lernen? Die Automobilindustrie ist eine interessante Fallstudie, wenn es um China geht. Im chinesischen Automarkt war das erste Volkswagen Joint Venture in den achtziger Jahren fast ein Monopolist. Später konnten die heimischen Hersteller etwas Boden gut machen und gleichzeitig musste Volkswagen den – allerdings rasant wachsenden – Markt mit anderen internationalen Herstellern und ihren Joint Ventures teilen.

Jetzt haben die heimischen Hersteller in China seit Jahren wieder rückläufige Marktanteile und liegen alle zusammen noch nicht einmal bei 25 %. Dass das der chinesischen Regierung nicht gefallen kann, ist klar; erfolgreiche Industriepolitik sieht anders aus. Dass sich das Mitleid des Westens in Grenzen hält, ist ebenso klar: Erstens profitieren wir kräftig und zweitens ist das chinesische Regime im Westen herzlich unpopulär.

Als Grund wird oft die starke Markenorientierung der Chinesen genannt. Die spielt sicher eine Rolle. Aber man kann bei anderen imageträchtigen Produkten – etwa Smartphones – sehen, dass leistungsfähige lokale Wettbewerber absolut ihren Markt finden, wenn sie attraktive Produkte preiswert anbieten können.

Es ist einfach den lokalen chinesischen Autoherstellern bisher nicht gelungen, ein Preis-Leistung-Verhältnis anzubieten, das wirklich attraktiv ist – und das liegt nicht am Preis!

Unternehmensführung

Die Chinesen sind nicht gut in der Beherrschung der Kernprozesse in Produktentstehung und Vermarktung. Letztlich geht es um die Qualität der Unternehmensführung! Die chinesische Industrie ist groß, alle Zahlen sind es auch, aber das Leistungsniveau ist bei vielen Faktoren weit vom westlichen Wettbewerb entfernt. Besonders beim Thema Management sind viele chinesische Unternehmen noch lange nicht auf internationalen Top-Standard.

In einer Kultur, die leitende Positionen  traditionell nach kompetenzfremden Kriterien vergibt, kann ein wirklich erstklassiges Ergebnis nur durch Zufall entstehen. Ohne die besten leitenden Ingenieure, Projektleiter und Topmanager entstehen einfach nicht ständig neue Produkte auf höchstem Niveau.

Wenn die Toppositionen in der Motorenentwicklung von mittelmäßigen Leuten besetzt sind, weil diese parteiloyal sind oder die richtigen Freunde haben, gibt es keine erstklassigen Motoren, ganz einfach!

Diese Logik wird in der Welt der Elektrofahrzeuge ebenso gelten wie bei herkömmlichen Verbrennungsfahrzeugen.

Die Hoffnung der chinesischen Regierung, hier schneller zur Spitze vordringen zu können, weil quasi alle bei null starten, wird sich als Illusion erweisen. Der Vorsprung der internationalen Firmen in puncto Methoden und Prozesse wird sich bei den Elektrofahrzeugen ähnlich auswirken wie bei der herkömmlichen Technologie.

Qualität des Führungspersonals

Die internationalen Hersteller haben beim Thema Human Resources die Nase weit vorn – bei der Ausbildung, vor allem aber bei der Auswahl!

Die Produkte der internationalen Wettbewerber werden meist allenfalls teilweise in China entwickelt. Wo tatsächlich Neu- oder Anpassungsentwicklung lokalisiert sind, wird meist auch noch westliches Know-how gebraucht. In den Produktions- und Qualitätsprozessen  setzen die großen Marken seit Jahrzehnten auf heimisches Wissen und entsandtes Personal.

Die chinesischen Manager sind nicht dümmer als die im Westen; im Gegenteil gibt es – insbesondere unter den im Ausland ausgebildeten Sinodirektoren- sehr gute und kluge Leute, besonders in den technischen Berufen. Diese Menschen haben auch das richtige Verständnis für Abläufe und kontinuierliche Verbesserungsprozesse – aber diese Qualitäten sind in China einfach noch zu selten gefragt.

Deshalb sind Staatsunternehmen wenig attraktiv für angestellte Unternehmer. Die Beförderungspolitik folgt allen möglichen Kriterien, von denen fachliches Können nur eine ist – das ist kein Klima, in dem gutes Management gedeiht.

In privaten und Joint-Venture-Unternehmen ist das oft etwas besser mit der Betonung auf „etwas“. Generell sind internationale Unternehmen für gute chinesische Mitarbeiter meist attraktiver – obwohl die Bezahlung oft gar nicht mehr besser ist. Aber auch die deutschen Joint Ventures tun sich sehr schwer, eine Beförderungs- und Führungskultur auf internationalem Top-Niveau zu entwickeln. Die chinesischen Partner im Joint Venture sind meist die Entscheider oder zumindest  Mitentscheider in Personalfragen und haben ihre eigenen Kriterien zur Vergabe interessanter Führungspositionen.

Ergebnis

Wirkliche Gefahr würde also in absehbarer Zeit nur von einem chinesischen Unternehmen drohen, dem es gelänge, sich aus dem traditionellen Umgang mit Führungspersonal zu befreien; wenn es BYD, Qoros, Volvo oder einem anderen gelänge, eine attraktive Unternehmenskultur zu entwickeln, die konsequent nach Verdienst und Kompetenz entscheidet, wäre der Weg immer noch weit: aber das wäre Anlass, sich wirklich Sorgen zu machen!

Bis dahin mag die Regierung den Unternehmen hier und da das Leben schwer machen und die rein chinesischen Hersteller protegieren. Ein wirklich tiefer Eingriff wir nicht erfolgen, dazu ist das Autogeschäft längst viel zu groß.

Ich bin sicher, dass der Kampf um die Vorherrschaft im chinesischen Automarkt auf mittlere und längere Sicht über das Personal entschieden wird: Wer für die besten Chinesen – Fachleute, Führungskräfte und Topmanager – attraktiver ist und wer sich erfolgreicher um sie bemüht, wird am Ende gewinnen. Sie sind die knappste Ressource in diesem Spiel, aber ihre Bedeutung wird von vielen unterschätzt.

Den internationalen Unternehmen möchte man raten, die guten Zeiten zu nutzen und intensiv an der Verbesserung ihrer Managementstrukturen zu arbeiten – auch wenn es noch so mühsam ist!

 

(Kommentar zu einem aktuellen Artikel, in dem sich das Manager Magazin in seiner jüngsten Ausgabe um die Zukunft der deutschen Autobauer in China sorgt.)